Die heutige Zeit ist eine Phase der Premieren, des disruptiven Wandels und neuer Gehversuche, gerade auch für Unternehmen der Chemie- und Kunststoffindustrie. Der diesjährige – erstmals digitale – Fachpressetag von PlasticsEurope Central Region zeigte eindrucksvoll, wie viel insbesondere in der Kunststoffbranche derzeit in Bewegung ist. Dabei vermittelte er zugleich sozial-gesellschaftliche wie politisch-regulatorische Kontexte, in denen die Fortschrittserwartungen an unsere Industrie deutlich werden.

 

Bühler.PNGAls Gastgeber steckte Ingemar Bühler, seit Januar 2021 Hauptgeschäftsführer von PlasticsEurope Deutschland, mit einem kurzen Impulsvortrag das Spannungsfeld der Veranstaltung ab. Das Bewusstsein für die Herausforderungen in Sachen Klima- und Umweltschutz sei in der Branche angekommen, so Bühler. Genauso auch die Kompetenz und Entschlossenheit, dazu beizutragen, dass unser Wirtschaften ressourcenschonender wird und Kunststoffabfälle nicht mehr in der Umwelt landen, sondern als Wertstoff im Kreis geführt werden.

 

 

Dass dies keine in weite Ferne gerichtete Vision sei, sondern die Transformation im Hier und Jetzt stattfinde, belegte er mit zwei aktuellen Investitionsbeispielen aus Deutschland: Eine hochmoderne Pilot-Anlage für das mechanische Recycling, deren Rezyklat-Qualität anspruchsvollen Anwendungen wie Konsumgütern genügen kann. Und eine Technologie, mit der CO2 im industriellen Maßstab für die Herstellung von Kunststoffen genutzt wird.

 

Einfach weglassen? Wie umgehen mit Plastikverpackungen?

Im Anschluss warf Dr. Johanna Kramm, Leiterin der Nachwuchsgruppe PlastX am ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung einen kritischen Blick auf Kunststoffverpackungen. Von 1998 bis 2018 habe sich ihr Verbrauch von 1,6 Mio. Tonnen auf 3,2 Mio. Tonnen verdoppelt, erklärte die promovierte Geographin zu Beginn. Aus der Abfallhierarchie leite sich ab, dass Verpackungen zuallererst überall dort, wo es möglich ist, vermieden werden sollten. Sie skizzierte hierfür gleich mehrere Wege: vom Weglassen unnötiger Verpackungen ohne Funktion, über Transporte mit weniger Verpackungseinsatz bis hin zu den „überall aus dem Boden sprießenden“ Unverpackt-Läden.

Diese seien zwar noch ein Nischenakteur (Herausforderungen wie große Gebinde für die Beschaffung, Reinigungsinfrastrukturen und veränderte Einkaufsroutinen). Das könne sich jedoch nach und nach ändern und zu einer erheblichen Reduzierung des Gesamtverpackungsgewichts führen. Dort, wo Kunststoffverpackungen nicht weggelassen werden könnten, sei die Verbesserung ihrer Recyclingfähigkeit und die Etablierung eines einheitliches Mehrwegsystems voranzutreiben.

 

Mutig vorangehen? Wie unterstützen die Kunststofferzeuger den Green Deal?

Buchholz.PNGNun war die Bühne frei für weitere Verbandsfachleute: Dr. Tina Buchholz, studierte Lebensmittelchemikerin und seit 2010 Teil von PlasticsEurope Deutschland, ging auf die zwei Rollen ein, welche die Kunststoffindustrie innerhalb des Green Deals einnimmt. In ihrer ersten Rolle ist die Branche einerseits Getriebene stets steigender Anforderungen (u.a. immer höherer CO2-Preise) – mit dem Risiko, an Wettbewerbsfähigkeit einzubüßen und ein Carbon Leakage zu riskieren. Andererseits bedeutet die Umstellung zu einem nachhaltigen Wirtschaften in der EU aber auch eine große Chance als globaler Vorreiter von effizienten und ressourcenschonenden Innovationen zu profitieren. Daher sei es auch so wichtig, in einem sehr engen Austausch mit der Kommission deutlich zu machen, wo die Branche unbedingt Unterstützung braucht, um die geforderten Nachhaltigkeitsziele erreichen zu können.

Die zweite Rolle der Kunststoffindustrie sei die des Problemlösers für zahlreiche andere Industrien: Mithilfe von Kunststoff-Anwendungen würden Automobile – auch E-Autos – leichter und somit CO2-schonender. Auch Niedrigenergiehäuser seien nur dank Kunststoff-Anwendungen möglich und in der Energiewende sei man unter anderem auf Rotorblätter angewiesen, die auch aus Kunststoffen bestehen.

 

Marktfähig? Welche Chancen bietet das chemische Recycling für die Kreislaufwirtschaft?

Abschließend führte Dr. Ingo Sartorius, Geschäftsführer und Leiter des Geschäftsbereichs Mensch und Umwelt bei PlasticsEurope Deutschland, in das Thema chemisches Recycling ein. Über die Klimaschutzziele 2050 und Fakten zum Kunststoff-Abfallmanagement, welche die aktuellen Stärken und Schwächen der Verwertung verdeutlichten, erläuterte er die chemischen Grundlagen der Technologie und ging anschließend auf ihren Anwendungskontext ein. So stehe das chemische Recycling nicht in Konkurrenz zum mechanischen Recycling. Stattdessen sei es eine mögliche Verwertungsoption für solche Sortierreste, die aus Gründen wie starker Verschmutzung nicht mechanisch zu verwerten sind. In entsprechender Logik sei das chemische Recycling kein Allheilmittel, sondern einer von vielen wichtigen Bausteinen einer Kreislaufwirtschaft mit Kunststoffen sowie einer technologieoffenen Marktversorgung mit Rezyklaten.

 

In seinem Schlusswort wies Ingemar Bühler mit spürbarem Optimismus darauf hin, dass die aktuellen Technologiefortschritte berechtigterweise erwarten lassen, dass der Weg der Industrie hin zu mehr Nachhaltigkeit und Effizienz sich fortsetzt. Klar sei dabei auch: Hier müssen alle dabei mithelfen, dass kluge Ideen und Lösungen aus und in Deutschland sehr viel schneller marktfähig werden als es in der Vergangenheit der Fall war.

 

Einige tolle aktuelle Beispiele für Innovationen, die eine Kreislaufwirtschaft mit Kunststoffen möglich machen, finden Sie in unserem Webspecial Kreislaufwirtschaft.